ADHS ist eigentlich der falsche Name. Zumindest erzählt er nur einen kleinen Teil der Geschichte.
- Ann-Kristin Esdar
- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Wenn wir „ADHS“ hören, steckt die vermeintliche Erklärung bereits im Namen:
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung.
Aufmerksamkeit. Hyperaktivität.
Zwei Begriffe, die unser gesellschaftliches Bild von ADHS bis heute stark prägen. Das unruhige Kind im Unterricht. Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Impulsivität. Vergesslichkeit. Vielleicht jemand, der ständig zu spät kommt, Dinge verliert oder nicht lange stillsitzen kann.
Das Problem daran: ADHS ist deutlich komplexer als das.
Der Begriff ist historisch gewachsen und selbstverständlich nicht einfach „falsch“ im medizinischen Sinne. ADHS ist eine etablierte diagnostische Bezeichnung. Trotzdem kann man kritisch hinterfragen, ob dieser Name tatsächlich angemessen beschreibt, was hinter dem Störungsbild steckt.
Denn wer ADHS ausschließlich als Mangel an Aufmerksamkeit und übermäßige Aktivität versteht, sieht nur einen Ausschnitt.
Es fehlt nicht einfach an Aufmerksamkeit
Eines der hartnäckigsten Missverständnisse beginnt bereits beim Wort „Aufmerksamkeitsdefizit“.
Menschen mit ADHS können durchaus aufmerksam sein. Teilweise sogar ausgesprochen fokussiert. Entscheidend ist häufig weniger die grundsätzliche Fähigkeit zur Aufmerksamkeit als vielmehr deren Regulation und situationsabhängige Steuerung.
Das erklärt ein Phänomen, das von außen zunächst widersprüchlich wirken kann:
Ein Mensch kann enorme Schwierigkeiten haben, sich auf eine monotone oder wenig stimulierende Aufgabe zu konzentrieren – und gleichzeitig über einen langen Zeitraum hochkonzentriert an etwas arbeiten, das interessant, neu, dringlich oder persönlich bedeutsam ist.
Das ist kein Widerspruch.
Und es ist auch nicht automatisch eine Frage von mangelndem Willen oder fehlender Disziplin.
ADHS betrifft Prozesse, die wesentlich komplexer sind als die einfache Frage:
„Kannst du dich konzentrieren – ja oder nein?“
Hinter ADHS stehen zahlreiche Regulationsprozesse
Bei ADHS spielen unter anderem exekutive Funktionen eine wichtige Rolle. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um jene kognitiven Prozesse, mit denen wir unser Verhalten zielgerichtet organisieren und steuern.
Dazu gehören beispielsweise Arbeitsgedächtnis, Inhibition, Planung, Handlungsorganisation und die Fähigkeit, Aufmerksamkeit entsprechend aktueller Anforderungen auszurichten.
Auch Motivation, Belohnungsverarbeitung und zeitliche Verarbeitung werden in der ADHS-Forschung untersucht.
Hinzu kommt ein Bereich, der im Namen überhaupt nicht auftaucht, für viele Betroffene im Alltag jedoch eine erhebliche Bedeutung haben kann: die Regulation von Emotionen.
Emotionale Dysregulation gehört nach den gegenwärtigen diagnostischen Kriterien zwar nicht zu den Kernkriterien, wird wissenschaftlich jedoch intensiv im Zusammenhang mit ADHS diskutiert.
Genau hier zeigt sich das Problem einer zu einfachen Vorstellung von ADHS.
Ein Name beeinflusst, wonach wir suchen
Sprache ist nicht neutral.
Wenn eine Diagnose bereits „Aufmerksamkeitsdefizit“ und „Hyperaktivität“ im Namen trägt, liegt es nahe, auch genau danach zu suchen.
Ist jemand nicht besonders hyperaktiv, fällt die Person möglicherweise weniger auf.
Kann jemand über Stunden konzentriert arbeiten, entsteht schnell die Frage, wie diese Person überhaupt ADHS haben könne.
Funktioniert jemand beruflich oder akademisch gut, können Schwierigkeiten unterschätzt werden, die außerhalb dieser sichtbaren Leistung liegen.
Und umgekehrt können Probleme mit Organisation, Aufgabenbeginn, Zeitmanagement oder Impulskontrolle vorschnell als Faulheit, Desinteresse oder mangelnde Disziplin interpretiert werden.
Genau deshalb ist ein differenziertes Verständnis so wichtig.
Nicht, weil jede Schwierigkeit durch ADHS erklärt werden sollte. Und auch nicht, weil ADHS romantisiert werden muss.
Sondern weil Verhalten erst dann sinnvoll beurteilt werden kann, wenn wir verstehen, welche Prozesse dahinterstehen können.
Also brauchen wir einen neuen Namen?
Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Es gibt seit Langem Diskussionen darüber, ob die Bezeichnung ADHS das zugrunde liegende Störungsbild ausreichend abbildet. Gleichzeitig lässt sich ein international etablierter diagnostischer Begriff nicht einfach durch eine griffigere Bezeichnung ersetzen.
Viel wichtiger als ein neuer Name ist deshalb zunächst etwas anderes:
ein besseres Verständnis dessen, was der bestehende Name nicht erzählt.
ADHS ist keine reine „Aufmerksamkeitsstörung“.Es ist nicht gleichbedeutend mit Hyperaktivität.Und es bedeutet erst recht nicht, dass ein Mensch grundsätzlich unfähig wäre, sich zu konzentrieren, zu organisieren oder leistungsfähig zu sein.
Menschen mit ADHS können in unterschiedlichen Situationen sehr unterschiedlich funktionieren.
Und vielleicht sollten wir genau dort genauer hinsehen.
Nicht nur auf die Frage, ob jemand funktioniert.
Sondern auch darauf, unter welchen Bedingungen.
Warum mir das wichtig ist
Gerade in Schule, Studium und Arbeitswelt beurteilen wir Menschen häufig anhand dessen, was von außen sichtbar ist.
Wer organisiert wirkt, kann keine Schwierigkeiten mit exekutiven Funktionen haben.Wer in einer komplexen Situation hervorragend funktioniert, kann kein Aufmerksamkeitsproblem haben.Wer gute Leistungen erbringt, kann nicht ernsthaft beeinträchtigt sein.
So einfach ist es nicht.
Für mich beginnt ein zeitgemäßer Umgang mit Neurodiversität deshalb nicht damit, Diagnosen abzuschaffen oder Schwierigkeiten schönzureden.
Er beginnt damit, genauer hinzusehen.
Denn manchmal liegt das Missverständnis nicht im Menschen.
Sondern in der Vorstellung davon, wie dieser Mensch funktionieren müsste.
different mind. same mission.




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