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Menschen mit ADHS können sich nicht konzentrieren. Ein weit verbreiteter Irrtum und einer, der ziemlich gut zeigt, warum ADHS so häufig missverstanden wird.

  • Autorenbild: Ann-Kristin Esdar
    Ann-Kristin Esdar
  • vor 5 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

„Du hast ADHS? Aber du kannst dich doch stundenlang mit etwas beschäftigen.“

Dieser Satz klingt zunächst logisch. Schließlich steckt das Aufmerksamkeitsdefizit bereits im Namen der Diagnose. Wer ein Defizit an Aufmerksamkeit hat, müsste sich demnach schlecht konzentrieren können.

Ganz so einfach ist es allerdings nicht.

Menschen mit ADHS können sich konzentrieren. Teilweise sogar außergewöhnlich intensiv und über einen langen Zeitraum.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:

„Wie viel Aufmerksamkeit hat ein Mensch?“

Sondern:

„Wie gut lässt sich diese Aufmerksamkeit in einer bestimmten Situation steuern?“


Aufmerksamkeit ist kein Ein-/Aus-Schalter

Aufmerksamkeit funktioniert auch bei Menschen ohne ADHS nicht wie eine Lampe, die entweder eingeschaltet oder ausgeschaltet ist. Unser Gehirn priorisiert ständig Informationen.

Was ist gerade wichtig?Was ist interessant?Was ist neu?Was verspricht eine Belohnung?Was muss sofort erledigt werden?

Bei ADHS können genau diese Regulationsprozesse beeinträchtigt sein.

Das bedeutet nicht, dass Aufmerksamkeit grundsätzlich fehlt. Vielmehr kann es schwieriger sein, sie willentlich und entsprechend äußerer Anforderungen zu mobilisieren, aufrechtzuerhalten oder umzulenken.

Und daraus entsteht eines der scheinbaren Paradoxe von ADHS.


Drei Stunden konzentriert – aber die E-Mail dauert drei Tage?

Eine Person beschäftigt sich stundenlang hochkonzentriert mit einem interessanten Thema und verliert dabei möglicherweise sogar das Gefühl für die Zeit.

Dann liegt daneben eine eigentlich kleine Aufgabe.

Eine Rechnung bezahlen.Eine E-Mail beantworten.Unterlagen sortieren.Eine Dokumentation fertigstellen.

Objektiv betrachtet dauert sie vielleicht nur wenige Minuten.

Trotzdem fällt der Einstieg unverhältnismäßig schwer.

Von außen kann das widersprüchlich wirken:

„Wenn du dich darauf so gut konzentrieren kannst, warum kannst du das dann nicht einfach erledigen?“

Genau dieser Vergleich übersieht aber einen entscheidenden Punkt: Die beiden Situationen stellen völlig unterschiedliche Anforderungen an Motivation, Handlungsinitiierung und Aufmerksamkeitssteuerung.

Können und jederzeit abrufen können sind nicht dasselbe.


Warum manche Situationen leichter funktionieren

Interessante, neue, emotional bedeutsame oder unmittelbar dringliche Situationen können Aufmerksamkeit stärker binden.

Monotone, repetitive oder erst langfristig belohnende Aufgaben können dagegen erheblich mehr Selbststeuerung verlangen.

Das kann erklären, warum die Leistungsfähigkeit eines Menschen mit ADHS je nach Kontext sehr unterschiedlich erscheinen kann.

Und genau deshalb ist es problematisch, ADHS ausschließlich anhand einzelner Situationen beurteilen zu wollen.

Dass jemand bei seinem Lieblingsthema zwei Stunden konzentriert arbeiten kann, widerlegt ADHS nicht.

Genauso wenig beweist gelegentliche Unkonzentriertheit eine ADHS.

Entscheidend für eine Diagnose sind ein anhaltendes Muster entsprechender Symptome, deren Auftreten in mehreren Lebensbereichen, der Beginn in der Entwicklung sowie eine relevante Beeinträchtigung – nicht eine einzelne Beobachtung.


Und was ist mit „Hyperfokus“?

Im Zusammenhang mit ADHS fällt häufig der Begriff Hyperfokus.

Gemeint sind Phasen sehr intensiver Konzentration, in denen eine Person stark in einer Tätigkeit aufgeht und andere Reize oder das Zeitgefühl möglicherweise weniger wahrnimmt.

Der Begriff ist populär und beschreibt Erfahrungen, die viele Menschen mit ADHS berichten. Wissenschaftlich sollte man damit allerdings etwas vorsichtiger umgehen.

Hyperfokus ist kein diagnostisches Kernkriterium von ADHS und bislang auch nicht so eindeutig definiert und untersucht wie die klassischen ADHS-Symptome.

Deshalb sollte daraus nicht die vereinfachte Gegenbehauptung werden:

„Menschen mit ADHS können sich sogar besser konzentrieren als andere.“

Auch das wäre zu pauschal.

Das Interessante liegt gerade in der Variabilität und Regulation von Aufmerksamkeit.


Warum dieses Missverständnis problematisch ist

„Du kannst dich doch konzentrieren“ klingt zunächst harmlos.

Der Satz kann aber dazu führen, tatsächliche Schwierigkeiten als Charaktereigenschaft zu interpretieren.

Aus Problemen beim Aufgabenbeginn wird Faulheit.

Aus Schwierigkeiten, bei einer monotonen Tätigkeit zu bleiben, wird mangelnde Disziplin.

Aus wechselnder Leistungsfähigkeit wird fehlende Motivation.

Und aus:

„Unter diesen Bedingungen fällt meinem Gehirn die Regulation schwer.“

wird:

„Du könntest schon, wenn du wirklich wolltest.“

Genau an dieser Stelle wird aus einem Missverständnis schnell eine Bewertung des Menschen.


Es geht nicht darum, jedes Verhalten mit ADHS zu erklären

Ein differenziertes Verständnis bedeutet auch, nicht ins andere Extrem zu fallen.

Nicht jede vergessene Aufgabe ist ADHS.Nicht jede Phase intensiver Konzentration ist Hyperfokus.Nicht jede Motivationsschwierigkeit ist Ausdruck einer neuroentwicklungsbedingten Störung.

ADHS ist komplexer.

Und genau deshalb sollten wir vorsichtig mit einfachen Erklärungen sein – in beide Richtungen.

Vielleicht sollten wir also aufhören zu fragen:

„Wenn du ADHS hast, warum kannst du dich dann darauf konzentrieren?“

Und stattdessen häufiger fragen:

„Was verändert sich zwischen den Situationen, in denen Konzentration funktioniert – und denen, in denen sie unglaublich viel Kraft kostet?“

Denn manchmal erzählt uns gerade dieser Unterschied mehr als die sichtbare Leistung selbst.

different mind. same mission.

 
 
 

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