„Menschen mit ADHS brauchen einfach Adrenalin.“ Warum manche Menschen unter Druck plötzlich funktionieren – und warum daraus ein gefährlicher Mythos entstehen kann.
- Ann-Kristin Esdar
- vor 5 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Eine Aufgabe liegt seit Tagen auf dem Schreibtisch.
Eigentlich ist sie wichtig. Eigentlich weiß man genau, dass sie erledigt werden muss. Trotzdem passiert – nichts.
Dann rückt die Deadline näher.
Plötzlich geht es.
Der Fokus ist da. Gedanken werden klarer. Die Aufgabe, die vorher kaum zu beginnen war, wird innerhalb kürzester Zeit erledigt.
Wer solche Situationen beobachtet, könnte zu einem einfachen Schluss kommen:
„Menschen mit ADHS brauchen eben Druck.“
Oder noch zugespitzter:
„Ihr Gehirn funktioniert erst richtig, wenn genug Adrenalin da ist.“
Das klingt zunächst plausibel.
Es ist aber eine starke Vereinfachung.
Warum Druck tatsächlich einen Unterschied machen kann
ADHS betrifft nicht einfach nur die Fähigkeit, aufmerksam zu sein. Eine zentrale Rolle spielen vielmehr Prozesse der Selbstregulation, Aufmerksamkeitssteuerung, Motivation und Handlungsinitiierung.
Und genau diese Prozesse sind nicht unter allen Bedingungen gleich.
Wie gut wir eine Aufgabe beginnen, unsere Aufmerksamkeit darauf richten und sie aufrechterhalten können, wird auch davon beeinflusst, welche Bedeutung eine Situation für uns hat.
Ist etwas neu?
Interessant?
Emotional bedeutsam?
Unmittelbar dringend?
Hat eine Handlung direkte Konsequenzen?
Solche Faktoren können das Aktivierungsniveau verändern – und damit auch beeinflussen, wie leicht Aufmerksamkeit mobilisiert werden kann.
Eine nahende Deadline kann aus einem abstrakten „Das müsste ich irgendwann erledigen“ plötzlich ein sehr konkretes „Das muss jetzt passieren“ machen.
Das kann einen enormen Unterschied machen.
Aber daraus folgt nicht, dass ein ADHS-Gehirn Adrenalin „braucht“.
Adrenalin ist nicht die Erklärung für ADHS
Die Aussage ist auch neurobiologisch zu einfach.
Bei ADHS spielen insbesondere dopaminerge und noradrenerge Systeme eine wichtige Rolle. Diese Neurotransmittersysteme sind unter anderem an Aufmerksamkeit, Motivation, Belohnungsverarbeitung und kognitiver Kontrolle beteiligt.
Adrenalin und Noradrenalin sind zwar chemisch eng miteinander verwandt, aber nicht dasselbe.
Noradrenalin fungiert im zentralen Nervensystem als wichtiger Neurotransmitter. Adrenalin ist dagegen vor allem für seine Rolle als Hormon und Botenstoff der körperlichen Stressreaktion bekannt.
Zu sagen, Menschen mit ADHS bräuchten einfach „mehr Adrenalin“, reduziert deshalb komplexe neurobiologische und psychologische Prozesse auf einen einzelnen Stoff.
So funktioniert ADHS nicht.
Warum funktioniert dann eine Krise manchmal erstaunlich gut?
Genau diese Frage wird besonders interessant, wenn wir über hochdynamische Berufe sprechen.
Ein Einsatz.
Zeitdruck.
Viele Informationen gleichzeitig.
Eine Situation verändert sich innerhalb von Sekunden.
Prioritäten müssen gesetzt, Entscheidungen getroffen und Handlungen unmittelbar umgesetzt werden.
Und plötzlich funktioniert jemand ausgesprochen fokussiert.
Das wirkt auf den ersten Blick paradox, wenn dieselbe Person später Schwierigkeiten damit hat, eine Dokumentation zu beginnen, organisatorische Aufgaben abzuarbeiten oder sich über längere Zeit mit monotonen Tätigkeiten zu beschäftigen.
Aber vielleicht ist gerade dieser Unterschied entscheidend.
Eine dynamische Situation liefert permanent relevante Reize. Handlungen haben unmittelbare Konsequenzen. Rückmeldungen erfolgen direkt. Die Aufgabe besitzt eine klare Bedeutung und verlangt unmittelbares Handeln.
Eine administrative Routineaufgabe kann nahezu das Gegenteil davon sein.
Das bedeutet nicht, dass Menschen mit ADHS grundsätzlich besser in Krisensituationen funktionieren.
Und es bedeutet auch nicht, dass ADHS automatisch ein Vorteil in hochdynamischen Berufen ist.
Aber es zeigt, warum die Frage nach Kontext und Arbeitsbedingungen so wichtig ist.
Das eigentliche Problem beginnt, wenn Stress zur Strategie wird
Wenn etwas immer wieder erst unter Zeitdruck funktioniert, kann sich daraus unbewusst ein Muster entwickeln.
Aufschieben erzeugt Dringlichkeit.
Dringlichkeit erhöht die Aktivierung.
Und diese Aktivierung erleichtert möglicherweise den Einstieg in die Aufgabe.
Die Konsequenz kann sein, dass der notwendige Druck immer wieder selbst erzeugt wird – beispielsweise durch sehr spätes Beginnen.
Kurzfristig kann diese Strategie erstaunlich effektiv wirken.
Langfristig ist sie allerdings teuer.
Denn funktionieren unter Stress bedeutet nicht, dass Stress gesund ist.
Chronische Stressbelastung kann unter anderem Schlaf, psychisches Wohlbefinden und körperliche Gesundheit beeinträchtigen. Ein dauerhaft hohes Aktivierungsniveau ist deshalb keine sinnvolle Behandlung und kein erstrebenswerter Arbeitsmodus.
Der entscheidende Unterschied lautet:
Etwas kann kurzfristig leistungsfördernd wirken und langfristig trotzdem belastend sein.
„Aber unter Druck kannst du es doch.“
Genau hier entsteht ein weiteres Missverständnis.
Wenn jemand eine Aufgabe kurz vor der Deadline plötzlich in zwei Stunden erledigt, kann von außen der Eindruck entstehen:
„Dann ging es vorher offensichtlich auch. Du wolltest nur nicht.“
Aber das Ergebnis allein erzählt nicht, wie viel Regulation notwendig war, um dieses Ergebnis zu erreichen.
Es erzählt auch nichts darüber, welche Kosten damit verbunden waren.
Vielleicht wurde die Nacht durchgearbeitet.
Vielleicht war die Person vorher tagelang angespannt.
Vielleicht funktioniert dieses System nach außen hervorragend – bis es irgendwann nicht mehr funktioniert.
Deshalb sollten wir Leistungsfähigkeit nicht ausschließlich daran messen, ob eine Aufgabe am Ende erledigt wurde.
Wir sollten auch danach fragen, was notwendig war, damit sie erledigt werden konnte.
Nicht: Wie erzeugen wir mehr Druck?
Wenn ein Mensch unter bestimmten Bedingungen besser funktioniert, wäre eine mögliche Reaktion:
Dann müssen wir eben mehr von diesen Bedingungen erzeugen.
Mehr Deadlines. Mehr Kontrolle. Mehr Konsequenzen. Mehr Druck.
Aber genau das greift zu kurz.
Die wesentlich interessantere Frage lautet:
Was genau verändert sich unter diesen Bedingungen?
Ist die Aufgabe plötzlich klarer?
Ist das Ziel konkreter?
Gibt es unmittelbares Feedback?
Wird die Aufgabe emotional bedeutsamer?
Fällt die Entscheidung weg, wann begonnen werden soll?
Ist die Zeitstruktur eindeutiger?
Sind weniger konkurrierende Möglichkeiten vorhanden?
Wenn wir verstehen, welcher Bestandteil einer Situation Regulation erleichtert, können wir überlegen, wie sich hilfreiche Strukturen schaffen lassen, ohne dafür permanent Stress erzeugen zu müssen.
Und genau darin steckt für mich eine viel spannendere Perspektive auf ADHS.
Nicht:
„Warum funktioniert dieser Mensch nicht einfach?“
Und auch nicht:
„Wie bringen wir diesen Menschen unter genügend Druck, damit er funktioniert?“
Sondern:
„Unter welchen Bedingungen kann dieser Mensch seine Fähigkeiten gut einsetzen – und wie können wir solche Bedingungen gestalten, ohne dass er dafür ständig an seine Belastungsgrenze gehen muss?“
Denn Menschen mit ADHS brauchen nicht einfach Adrenalin.
Vielleicht brauchen wir vielmehr ein besseres Verständnis dafür, warum dasselbe Gehirn unter unterschiedlichen Bedingungen so unterschiedlich funktionieren kann.
different mind. same mission.




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